Unterwegs im kleinen Patagonien

Die Via Alpina ist bekanntlich eine der schönsten Weitwanderstrecken durch die Schweiz. Auf insgesamt 390 Kilometern und knapp 23'500 Höhenmetern zeigt die SchweizMobil-Wanderung Nr. 1 eine der weltweit vielseitigsten Floren und Faunen. Wer die gesamte Strecke von Vaduz nach Montreux bestreitet, durchquert unter anderem auch den Kanton Uri von Ost nach West. Die siebte Etappe der Via Alpina führt nämlich von Altdorf nach Engelberg. Genau diese Etappe ist unser heutiges Tagesziel.
Im Gegensatz zu den «eingefleischten» Via Alpina-Wanderer, die, wie ich erfuhr, alle Etappen ohne Ausnahme zu Fuss marschieren, ersparen wir uns die ersten Höhenmeter und nehmen die Seilbahn von Attinghausen aufs Brüsti. Diese ist die drittlängste Seilbahn in unserem mit fast 40 Luftseilbahnen dicht erschlossenen Kanton. Ganze 922 Meter überwindet die 8er-Kabine und bringt uns zu unserem eigentlichen Ausgangspunkt auf 1'528 Meter: dem Brüsti.

Die Sonne im Rücken

Mit der über dem Schächental aufgegangenen Sonne im Rücken mache ich mich mit meiner Mutter auf den Weg, eine der eindrucksvollsten Tageswanderung der Zentralschweiz zu erwandern. Auf unserem Weg Richtung Alp Grat passieren wir das Chräienhöreli, welches gut abgesichert und mit schönen Treppenstufen überquert werden kann. Nach gut 45 Minuten erreichen wir die Alp Grat und legen eine erste Trinkpause ein. Um diese Uhrzeit ist beim Alpbeizli noch wenig Betrieb und auch wir entscheiden uns, nicht einzukehren – auch wenn ich weiss, dass es dort sehr feine selbstgebackene Kuchen gäbe.. aber wir haben ja noch einiges vor uns und machen uns deshalb Richtung Angistock auf den Weg.

Magische Bergwelt

Über den Geissrüggen zum Angistock

Die Passhöhe stets im Blick, führt uns der Wanderweg über den Geissrüggen. Ich würde mich als erfahrenen Wanderer bezeichnen, trotzdem stolpere ich auf dieser Passage mehr als einmal. Nicht etwa weil der Weg schlecht wäre, sondern weil die Kulisse rund um uns herum mein Staunen nicht loslässt. Auf der linken Seite der in der Morgensonne stehende Hoch Geissberg mit seinen steilen Hängen hinab bis zur Alp Waldnacht und auf der rechten Seite thronen Blackenstock, Brunnistock und Gitschenhöreli mit in Wolkenschleiern gehüllten Felswänden. Folgt man dem rechts unter uns liegenden Gitschital erscheint der Urnersee und in der Ferne sieht man die Gemeinde Brunnen mit dem Kleinen und Grossen Mythen. Mehr als einmal sagen wir zueinander «häi isch das scheen hiä obä».

Verpflegung in den Bergen

Kurz darauf erreichen wir den Wegweiser beim Angistock auf 2’060 Metern über dem Meeresspiegel. Wer den Surenenpass nicht überqueren möchte und nicht auf demselben Weg zurücklaufen will, kann von hier aus Richtung Waldnacht zur Bergstation Brüsti wandern. Wir aber nehmen die Via Alpina-Route. Eine Stunde hat man von hier aus noch bis zur Passhöhe. Wir beschliessen, uns hier noch einmal zu stärken und etwas zu trinken, bevor es dann in den steilsten Teil unserer heutigen Etappe geht. Mami wäre nicht Mami, wenn sie nicht ein «Ihklämmts» (dt. Sandwich) aus ihrem Znüni-Säckli gezaubert hätte. Zufrieden und mit neuer Energie machen wir uns auf den Weg.

Goldene Spätsommer-Stimmung

Mein persönliches Anliegen

Anspruchsvolle Bergwanderung
Die Überschreitung des Surenenpasses ist anspruchsvoll: Planen Sie fünf bis sieben Stunden ein. Trittsicherheit, gute Wanderschuhe, genügend Wasser und Wetterschutz sind unerlässlich.
Offline gut orientiert
Da unterwegs oft der Smartphone-Empfang fehlt, sollten Sie die Route offline speichern oder eine Wanderkarte mitnehmen. Behalten Sie das Wetter im Blick.
Natur respektieren
Der Weg führt durch Alpwiesen und sensible Lebensräume. Beachten Sie die Verhaltensregeln und respektieren Sie Pflanzen und Wildtiere. Ein Foto ist das schönste Souvenir.
Zwischen Eisenhut- und Wollgrasfeldern durchqueren wir die Passage «Lang Schnee». Wie der Name unschwer erkennen lässt, hat es in dieser Steinmulde auch bis spät in den Sommer noch lange Schnee. Aufgrund des extrem heissen Sommers und der hohen Temperaturen bis in höhere Lagen können wir den Geröllhang mit trockenen Füssen durchqueren. Über den Angibach, der hier oben entsteht, geht’s im Zickzack weiter nach oben. Erstaunlich ist, dass die Hänge unterhalb vom Eggenmanndli und Nageldach noch so saftig grün aussehen, obwohl wir in den letzten Monaten kaum längere Regenperioden erlebt haben. Wüsste ich es nicht besser, könnte man meinen, wir seien in den schottischen Highlands unterwegs.

Saftig grüne Hänge

Nach etwas weniger als drei Stunden erreichen wir den höchsten Punkt unserer heutigen Tour, die Surenenpasshöhe. Es ist ein magisches Gefühl, hier zwischen hohen Felswänden und langgezogenen grünen Hängen zu stehen. Auf der einen Seite sehen wir die Schächentaler Alpen, auf der anderen den Titlis, den Grassen und die immer kleiner werdenden Gletscher. Während Bergdohlen über unsere Köpfe hinwegziehen, bläst uns der Wind eine frische Brise ins Gesicht. Ein lauter Pfiff einer «Munggä» (dt. Murmeltier) durchbricht die Stille auf dem Pass und ich weiss, dass kann meist nur eines bedeuten: Steinadler! Sofort zücke ich mein «Schpiägelroor» (dt. Feldstecher) und halte Ausschau nach dem König der Lüfte. Kurz darauf entdecke ich einen fast ausgewachsenen Steinadler, der über dem Geröll seine Kreise zieht und die Murmeltiere derweil auf Trab hält. Während ich dem Steinadler nachschaue, entdecke ich hoch oben auf den Felsen ein geschwungenes Horn zwischen den Steinen. Und für einen kurzen Moment kann ich den Kopf eines Steinbocks erkennen – grandios!

Traumhafte Landschaft

Der Titlis als Wegbegleiter

Gestärkt und mit neuer Motivation machen wir uns auf den Weg nach Obwalden. Auch wenn wir nun auf der anderen Passseite wandern, befinden wir uns noch immer auf Urner Boden. Denn der Surenenpass bildet, ähnlich wie der Klausenpass, keine Kantonsgrenze. Diese liegt noch ein ganzes Stück weiter unten. Vorbei an der einsamen Schutzhütte, die sich knapp unterhalb des Passes befindet, laufen wir den Talkessel auswärts in Richtung Blackenalp. Das Panorama ist auch auf dieser Seite eindrücklich: Der Titlis im Hintergrund sowie die fast vertrockneten Schneeheiden und Alpenrosen bieten spektakuläre Fotomotive. Apropos Fotosujet: Gerade als wir eine kurze Rast einlegen wollten, sprang ein Murmeltier vor unsere Füsse auf den Wanderweg, überquerte diesen und verschwand auf der anderen Seite unter einem der vielen Erdhaufen. Leider war sein Auftritt so kurz, dass ich den Kleinen nicht vor die Linse bekam..

Abstieg vom Surenenpass

Sagenumwobener Wasserfall

Während wir die Blackenalp und das entzückende Blackenchappeli hinter uns lassen, erzähle ich meiner Mutter von der Sage «Dr Greiss vu Surenä». Denn, kurz darauf erreichen wir den «Stäuber»: einen Wasserfall, der eine besondere Rolle in der Sage innehat. Oberhalb des Wasserfalls machen wir eine letzte Rast und stärken uns für die nächste Etappe. Von hier aus verzweigt sich der Wanderweg. Ein Weg führt Richtung Alp Hobiel und Usser Äbnet bis zur Fürenalp. Diese Panoramawanderung wird aber normalerweise von der Fürenalp aus gestartet. Der andere Weg verläuft entlang des Stierenbachs (ich empfehle, die Sage zu lesen 😉) Richtung Berggasthaus Stäfeli. Da mein Vater heute ebenfalls in der Gegend unterwegs ist und die Panoramawanderung macht, entscheiden wir uns für die zweite Option. So treffen wir dann gemeinsam beim Berggasthaus Stäfeli aufeinander.

Vielseitiger Abschluss

Little Patagonia

Auch wenn wir uns zwischendurch verpflegt haben, knurren unsere Mägen langsam aber sicher. Wie vereinbart, wartet mein Vater bereits beim Berggasthaus Stäfeli. Wir geniessen gemeinsam die wohlverdiente längere Pause zwischen Bachgeplätscher und Kuhglocken. Einmal mehr wird mir klar, warum diese Gegend «Little Patagonia» genannt wird. Auf der anderen Talseite ragen der Chli und Gross Spannort wie eine Bastion über dem Tal und überall fliessen (noch) Wasserfälle, die mit Wasser vom Spannortgletscher gespeist werden.
Mit frischen Beinen und vollen Mägen marschieren wir weiter. Wir passieren das Restaurant Alpenrösli, überqueren den Bach und laufen die letzten paar Meter durch den dichten Wald. Nach mehr als 17 Kilometern erreichen wir unser Ziel, die Talstation der Fürenalp-Bahn. Von hier aus würde auch ein Bus nach Engelberg fahren. Da mein Vater jedoch mit dem Auto bis zur Fürenalpbahn gefahren ist, können wir unsere Rucksäcke ins Auto packen und es uns gemütlich machen - was für ein Tag.

Unser Rating (1-10)

Schwierigkeit: 8
Für geübte Bergwandernde: Der steile Aufstieg und die insgesamt lange Strecke verlangt eine gute Grundkondition und Trittsicherheit.
Kulinarik: 8
Unterwegs gibt es zahlreiche Einkehrmöglichkeiten mit vielfältigen regionalen Produkten - Panoramasicht und Alp-Geräuschkulisse inklusive!
Erlebnis: 10
Ein absolutes Must-Do für alle die sich einer herausfordernden und langen Wanderstrecke stellen möchten. Das Panorama, die Tier- und Pflanzenwelt ist magisch!

Praktische Informationen

Hier finden Sie alle wichtigen Informationen zur Wanderung vom Brüsti nach Engelberg auf einen Blick.

Unterwegs und eingekehrt...

Unterwegs mit...

David Arnold
Naturliebhaber und Projektleiter im Marketing

Die Route

Zwei Wanderinnen stehen oberhalb eines türkisblauen Bergsees in einer weiten Hochgebirgslandschaft und heben freudig die Arme in die Höhe. Umgeben von grünen Hängen und markanten Gipfeln vermittelt die Szene Freiheit, Freude und ein gemeinsames Naturerlebnis.

Noch mehr Inspiration finden

In unserer Blogserie «Unterwegs im Urnerland» teilen Mitarbeitende von Uri Tourismus persönliche Tipps und Lieblingsrouten für Ausflüge in der Region. Jetzt alle Beiträge entdecken – zum Beispiel weitere Wanderideen, Genussmomente und spannende Erlebnisse im Urnerland.

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